Eingruppierungen von Oberärzten
Ein Kommentar von Privatdozent Dr. med. Elmar Lindhorst, Gesundheitsökonom (ebs)
Bis zum erfolgreichen Abschluss einer ersten Ärztetarifrunde im Jahr 2006 waren Absichtserklärung und Forderung der öffentlichen Arbeitgeber, dass Leistung und Verantwortung statt Lebensalter vergütet werden sollten. Dies war damals zunächst mit verdi abgesprochen und wurde dann auch mit dem Marburger Bund für die Ärzte vereinbart.
Arbeitgebern wie Marburger Bund fiel es jedoch sehr schwer, sich auf klare neue Regelungen für Ärzte einzulassen. Die einen wollten sowieso nicht mehr zahlen, die anderen hatten es angesichts des komplexen Arbeitsplatzes bzw. der Qualifikation Arzt ebenso schwer, schnell gute Kriterien zu benennen. Und der Oberarzt war eine bis dahin rechtlich quasi ignorierte Spezies, ganz zu schweigen vom Funktionsoberarzt.
So wurde damals schnell klar, dass neu zu entwickelnde Kriterien wahrscheinlich Spielraum für viel Streit schaffen würden.
In der Tat erscheint es bis heute schwierig, aus dem vielfältigen Leistungsangebot eines zunehmend qualifizierteren Arztes heraus die wesentlichen Qualifikationsmerkmale zu definieren und entsprechend zu vergüten. Sollte dies allein eine bestimmte Funktion im Rahmen des Strahlenschutzes, der Hygiene oder der Kontrolle der Blutprodukte sein, eine spezielle wirtschaftliche Verantwortung wie DRGs oder Personalverantwortung wie Dienstplan- und Mitarbeitereinsatzplanung? Oder sind spezielle diagnostische oder therapeutische wie auch operative Techniken wesentlich? Sind Spezialsprechstunden ein Kriterium, gar die Kassenzulassung? Speziell - aber nicht nur - in ausbildenden und wissenschaftlichen Einrichtungen sind - vielleicht sogar nicht erfolgreiche oder reglementierte - Forschungsaktivitäten oder Lehrleistungen für das Profil der Einrichtung essentiell, letztlich vielleicht sogar viel wichtiger als für die eigene Karriere der dort angestellten Ärzte. Aber wie soll all dies fair berücksichtigt werden?
In kurzsichtiger Denkweise des ökonomisierten Gesundheitswesens hat sich aus Sicht der Tarifpartner die Diskussion auf die eigenständige wirtschaftliche Verantwortung des Oberarztes, definiert über einen eigenen Mitarbeiterstab bzw. eigene Funktionseinheit (Sachmittel) als wesentliche Kriterien reduziert.
Aus Sicht der betroffenen Mitarbeiter stellt sich so aber die Frage für alle Hierarchiegruppen, warum sie dann die anderen notwendigen Extraaufgaben erlernen, d.h. sich weiter qualifizieren, und diese dann übernehmen sollten. Es sind die vielen Bindeglieder, die eine Kette stark machen.
Vielerorts macht es keinen Sinn, dass jede, für die Abteilung wichtige Qualifikation, tariflich keine Berücksichtigung findet, und bestenfalls einer willkürlichen Vergütung je nach Betriebsleitung unterliegt.
Wenn jedoch alleinige Personal- und Sachmittelverantwortung für Oberärzte notwendig ist - und gute Oberärzte werden zweifelsfrei benötigt - warum sollte sich dann noch ein z.B. Chefarzt um den Zusammenhalt der Einrichtung/Klinik bemühen - was für das Gesamtgelingen aber ebenfalls notwendig ist. Speziell dort, wo nicht eine sehr hohe Mitarbeiteranzahl vorhanden ist, um selbständige Bereiche zu unterhalten, wird sich diese Frage so vermehrt für beide Seiten stellen.
Mitarbeiter, die sich aus Prinzip um immer neue Aufgaben bemühen, um die Klinik durch ihre Extrafunktionen, am besten in der Freizeit, zusammenzuhalten, sind für die Zukunft nicht mehr zu erwarten. Vielenorts reicht die Arbeitszeit schon jetzt nicht mehr für eine qualitativ hochwertige Versorgung. Somit werden kurzsichtige Streitigkeiten dieser Art noch funktionierende Einrichtungen beschädigen. Nicht nur das altersgerechte demografische Absterben der qualifizierten Oberärzte wird so stattfinden, sondern nach immer unattraktiveren Chefarztpositionen werden auch immer uninteressantere Oberarztpositionen entstehen. Bei solchem Streit lohnen sich Leistung und Qualifikation nicht! Durch die Tarifpartner sind dringend großzügigere Lösungen zu erreichen, die vor allem ein Ziel verfolgen müssen: diesen kleinlichen Streit aus der einzelnen Klinik rauszuhalten.
Privatdozent Dr. med. Elmar Lindhorst, Gesundheitsökonom (ebs)
Rossertweg 17
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