Herr Prof. Wölfl, Sie waren Instruktor am ATLS-Kurs für ukrainische Militärchirurgen beteiligt. Was war Ihre persönliche Motivation, dieses Training zu unterstützen?
Prof. Dr. Christoph Wölfl: Die Unterstützung internationaler Kursformate gehört zu meinen Kernaufgaben innerhalb der ATLS Europe Association. Gleichzeitig bin ich als Oberfeldarzt der Reserve an das Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz beordert. In dieser Doppelrolle konnte ich meine zivile mit meiner militärischen Rolle als Reservedienstleistender Sanitätsoffizier kombinieren.
Herr Dr. Hauer, Sie waren Kursdirektor: Wie war das Ganze organisatorisch aufgestellt? Wer nahm teil und unter welchen Rahmenbedingungen fand der Kurs statt?
Dr. Thorsten Hauer: Der ATLS-Kurs wurde im Berliner Simulations- und Trainingszentrum (BeST) der Charité – Universitätsmedizin Berlin als Vorkurs vor dem Combat Surgery Course für Militärchirurgen der ukrainischen Streitkräfte durchgeführt, den die Bundeswehr am Kursstandort ausrichtet. Die Teilnehmer des ATLS-Kurses setzten sich aus den Lehrgangsteilnehmern des Combat Surgery Course sowie ukrainischen Lehrkräften zusammen. Entsprechend handelte es sich bei den Teilnehmern um vergleichsweise junge Fachärzte für Chirurgie, während die Instruktoren sehr einsatzerfahrene Chef- und Oberärzte aus ukrainischen Militärkrankenhäusern waren. Alle Teilnehmer waren Angehörige der ukrainischen Streitkräfte im aktiven Militärdienst. Die ukrainischen Kursteilnehmer wurden gemeinsam mit Soldaten anderer Teilstreitkräfte mit einem Luftfahrzeug der Bundeswehr von Polen nach Berlin transportiert.
Wie kam es überhaupt zu diesem Kurs?
Hauer: Der Combat Surgery Course für ukrainische Militärchirurgen wurde bereits zum vierten Mal durchgeführt – erstmals unmittelbar nach Beginn des russischen Angriffskrieges. In diesem Durchlauf wurde er erstmals mit einem ATLS-Kurs kombiniert. Die Initiative dazu ging om Chefchirurgen der ukrainischen Streitkräfte aus. Auf seine Anfrage hin, während des letzten Combat Surgery Course, folgte eine offizielle Bedarfsanforderung über das ukrainische Verteidigungsministerium.
Die ukrainischen Ärztinnen und Ärzte verfügen durch den Krieg über enorme praktische Erfahrung. Was kann ATLS ihnen zusätzlich bieten?
Wölfl: Das erinnert mich an unsere Situation in Deutschland um 2002. Wir hatten ein sehr modernes Rettungssystem und viele exzellente Einzelversorger, aber jeder Standort arbeitete etwas anders. ATLS hat geholfen, diese sehr gute Versorgung zu standardisieren. Parallel haben wir Traumanetzwerke aufgebaut. Ein solches System kann die Versorgung messbar verbessern. In der Ukraine sind die Bedingungen oft extrem: dynamische Lagen, frontnahe Erstversorgung, knappe Ressourcen und dann natürlich die chirurgische Anschlussversorgung im rückwärtigen Raum, also in sichererer Entfernung von den eigentlichen Kampfhandlungen. Gerade hier hilft das Schema von ATLS, auch unter Stress prioritätenorientiert vorzugehen.
Hauer: Hinzu kommt, denke ich, dass viele chirurgische Kollegen der älteren Generation noch im sowjetischen beziehungsweise postsowjetischen Gesundheitssystem groß geworden sind, und dass ihnen diese prioritätenorientierte und auf Algorithmen basierende Vorgehensweise keineswegs so vertraut ist. Aus nachvollziehbaren Gründen sucht man hier nach einer stärken Anbindung an die westlichen Partner. Das wurde uns auch von ukrainischer Seite so signalisiert.
ATLS setzt stark auf Struktur. Wie hilft das in chaotischen Kriegssituationen?
Hauer: Die Stärke von ATLS ist seine Stringenz und einfache Anwendbarkeit, die sogar relativ unabhängig von der beruflichen Erfahrungsstufe des Anwenders ist. Das Vorgehen orientiert sich ausschließlich an den Behandlungsprioritäten und bleibt gleich – ob Einzelpatient oder Massenanfall von Verletzten. Diese Verlässlichkeit gibt dem medizinischen Behandlungsteam Sicherheit und hilft in jeder Lage.
Gab es Inhalte, die bei den Teilnehmenden besonders gut ankamen?
Wölfl: Die ukrainischen Kollegen waren sehr gut vorbereitet. Sie haben das System regelrecht aufgesaugt, waren bei jeder Praxisstation extrem bei der Sache und haben den Kurs mit hervorragenden Ergebnissen abgeschlossen. Ich denke, man hat richtig gespürt, dass sie diese Inhalte bereits unmittelbar nach Kursabschluss im Kriegsgebiet jederzeit abrufen müssen.
Gab es Besonderheiten im Ablauf im Vergleich zu einem regulären ATLS-Provider-Kurs?
Hauer: Ja, vor allem durch die Simultanübersetzung. Wir hatten im Vorfeld nicht nur Dolmetscher vom Bundessprachenamt angefordert, sondern waren auch in der glücklichen Situation, auf Übersetzer aus dem Bereich des Sanitätsdienstes der Bundeswehr zurückgreifen zu können, die neben ihren Sprachkenntnissen auch über notfallmedizinische Expertise verfügten. Das hat auf jeden Fall geholfen. Und natürlich hatten wir Sorge, dass die Simultanübersetzung den straffen Zeitplan des ATLS-Kurses sprengen könnte. Tatsächlich hat aber alles hervorragend funktioniert. Der Kurs lief überraschend flüssig und sehr konzentriert ab.
DGOU und die ukrainische Fachgesellschaft All-Ukrainian Association of Injury and Rehabilitation (ASIR) haben auf dem DKOU 2025 ein Memorandum zur Zusammenarbeit geschlossen. Welche Bedeutung
hat das konkret?
Wölfl: Die Ukraine wünscht sich schon lange ein eigenes ATLS-Programm. Allerdings haben das American College of Surgeons und die ATLS Europe Association klar festgelegt, dass ATLS-Programme nur in befriedeten Regionen etabliert werden können. Das gemeinsame Memorandum ermöglicht es uns dennoch, als DGOU und DGU direkt zu helfen – ein starkes Signal der Solidarität und Zusammenarbeit.
Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Wie kann die Ukraine langfristig ein ATLS-Land werden?
Hauer: Es laufen derzeit Gespräche. Eine gewisse Stabilität im Land ist Voraussetzung. In der Ukraine gibt es mehrere potenzielle Partner – der richtige muss identifiziert werden. Das Memorandum bildet dafür eine wichtige Grundlage, ebenso die guten Kontakte der Bundeswehr zum ukrainischen Militär.
Vielen Dank für das Interview.
Das Interview führte Susanne Herda, Öffentlichkeitsarbeit DGOU
