„Die Unfallchirurgie in Deutschland - unsere Verantwortung und Verpflichtung“
FOCUS-Reportage

Katastrophenkurs: Wie deutsche Ärzte lernen, bei schweren Unglücken, Anschlägen und im Kriegsfall rationale Entscheidungen zu treffen

Darstellung eines Spiels im TDSC-Kurs
In einem Spiel üben die TDSC-Teilnehmer, einen Massenanfall von Verletzten im Terrorfall medizinisch zu bewältigen. © DGOU

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Magazin FOCUS. Wir veröffentlichen ihn hier mit freundlicher Genehmigung der FOCUS-Redaktion.]

Vor etwa einer Stunde soll es eine Explosion im Hotel Gloria gegeben haben. Die Polizei spricht von 40 Verletzten.“ Die Frauenstimme, die diese Nachricht verliest, klingt nicht besorgt, eher ein wenig aufgekratzt. Der Text stammt aus einem Podcast, der Ärztinnen und Ärzte auf die Teilnahme an dem Kurs namens „Terror and Disaster Surgical Care (TDSC)“ vorbereitet. Es geht um das richtige chirurgische Handeln in der Katastrophenmedizin. Der zweitägige Kurs, den die Akademie der Unfallchirurgie anbietet, ist nicht neu, aber er wird in letzter Zeit häufiger abgehalten und auch stärker nachgefragt. FOCUS konnte einen besuchen. Er fand im Bundeswehrkrankenhaus Ulm statt.

Das Hotel Gloria existiert nicht, und die vielen Dutzend Katastrophen, die an diesem Wochenende durchgenommen werden, sind nur Szenarien und Simulationen. Aber es gab Eschede und Madrid, Bataclan und die Ahrflut, Ramstein und Mannheim, den Breitscheidplatz, Magdeburg und viele andere ManVs. Das Kürzel aus dem Jargon der Notfallmedizin bedeutet „Massenanfall von Verletzten“.

Außerdem befürchten Experten, Putins Russland könne einen der baltischen Staaten oder Polen angreifen. Der sogenannte Bündnisfall träte ein. Nato-Berechnungen zufolge würden dann rund 700.000 Soldaten durch Deutschland ziehen und hierzulande täglich bis zu 1.000 Menschen durch Kampfeinwirkungen verletzt werden, ein Viertel von ihnen schwer.

Darauf wollen sich bei dem TDSC-Kurs in Ulm 17 Ärzte und fünf Ärztinnen vorbereiten lassen. Aus allen Teilen Deutschlands sind sie in das Schulungsgebäude hinter dem Bettenhaus der Klinik gekommen. Vielen zahlt der Arbeitgeber die 1080 Euro Kursgebühr, einige aber finanzieren die Fortbildung aus eigener Tasche. Die Sache interessiere ihn eben, sagt Gerald Ripberger, Internist am Ernst-von-Bergmann-Klinikum in Potsdam. Wer viel mit Ärzten zu tun hat, weiß: Die guten unter ihnen haben nie das Gefühl, ausgelernt zu haben.

Ziel ist, 700 Kliniken zu „ertüchtigen“

Der Kursleiter heißt Gerhard Achatz. Er ist Oberstarzt und leitet die Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am Bundeswehrkrankenhaus Ulm. Wie alle anderen Ärzte, die Vorträge in diesem Kurs halten, hat er mehrere Auslandseinsätze hinter sich – dort, wo deutsche Truppenangehörige in den letzten Jahren stationiert waren, im Kosovo etwa, im Irak, in Afghanistan und in Mali. Immer wieder waren dort deutsche Soldaten in Gefechte und Attentate verwickelt.

Vor allem arbeitete Achatz einige Zeit in der Notaufnahme am Chris Hani Baragwanath-Krankenhaus in Soweto, der riesigen „Township“ innerhalb der südafrikanischen Metropole Johannesburg. Das Chris Hani gilt als größtes Klinikum der südlichen Hemisphäre. Ständig sei die Notaufnahme mit 100 bis 150 Hilfesuchenden überfüllt gewesen, erzählt Achatz. Alles, was ein deutscher Arzt für einen ManV beherrschen sollte, ist im Chris Hani rund um die Uhr gefragt: die Sichtung, die Sicherung, die Triage, die Erstversorgung bei dennoch raschem Abtransport und der möglichst baldige Wechsel von der notdürftigen Lebensrettung zur individuellen Sorge um den Patienten. Achatz: „Man kann dort eine Expertise erwerben, die bei uns nicht möglich wäre.“

„Wir wollen Ihnen zeigen, wie Sie Ihr Krankenhaus zu Hause vorbereiten können“, fasst Achatz den Kurszweck in seiner Begrüßung zusammen. Mittlerweile stehen in Deutschland nur noch fünf Bundeswehrkrankenhäuser. Die rund 180 Militärchirurgen, die in ihnen arbeiten, wären im Kriegsfall bei den kämpfenden Soldaten. Außerdem verfügen neun Berufsgenossenschaftliche Kliniken über eine Expertise, die sie zu einer guten Anlaufstelle bei einem ManV macht, zum Beispiel nach einer Massenkarambolage auf der Autobahn. Und bis zu 700 Kliniken sind so ausgestattet, dass zumindest ein Teil ihres Personals, in jedem Fall die Chirurgen und die Anästhesisten, gefordert wären.

Hemdsärmelig bis rau

Der TDSC-Kurs ist keine Notfallübung mit Schauspielern, die Verletzte und Tote simulieren und schon gar kein ärztlicher Erste-Hilfe-Probeeinsatz. Wie man verbindet und abbindet, dieses Wissen bringen die Kursteilnehmer mit. Sie sollen sich eher eine bestimmte Denkweise aneignen, die von jener in ihrem Klinikalltag abweicht. Mehrmals in diesen Kurstagen raten die Vortragenden ihren Kollegen, dass sie im Katastrophenfall vorübergehend die Sorgfalt beiseiteschieben müssen, mit der sie sich sonst um den Patienten kümmern. Das hört sich oft hemdsärmelig bis rau an. Beispiel: Bei der Operation eines gebrochenen Beins setzen Ärzte häufig Schrauben und Platten ein, die sie später wieder entfernen. Nix da, empfiehlt die Münchner Chirurgin und Notärztin Anke Wanger den Kollegen: „Du setzt einen Fixateur an und verlässt den OP.“ Um schnell den nächsten Fall in Augenschein zu nehmen; externe Fixateure sind Metallkonstruktionen, die den Knochen zusammenhalten. Durch die Haut getriebene Nägel geben ihnen Halt.

Ein ManV nach einem Unfall, ergänzt Wanger, sei ja noch absehbar. Man weiß eben ungefähr, wie viele Menschen in dem entgleisten Zug gesessen sind. Ein ManV nach einer Terrorattacke oder einer kriegerischen Handlung hingegen sei dynamisch: „Es können immer noch mehr Opfer kommen.“ Mehrmals warnen TDSC-Referenten vor dem „Second Hit“, dem zweiten Schlag, wenn sich ein weiterer Attentäter in der unübersichtlichen Lage unter die Ersthelfer und die Verletzten mischt und zuschlägt. Deshalb sei es so wichtig, den ursprünglichen Einsatzort möglichst bald zu verlassen, mit den Verletzten natürlich.

Beim Attentat in Magdeburg am 20. Dezember 2024, als ein mutmaßlich geisteskranker Mediziner aus Saudi-Arabien sein Auto durch den Weihnachtsmarkt steuerte und sechs Menschen tötete, lief offenbar manches so, wie man es in Ulm lehrt. Zwei Minuten nach 19 Uhr raste der Mann in einem BMW durch die Menge. „Der erste Patient war nach 20 Minuten bei uns“, sagt der Unfallchirurg Felix Walcher von der Universitätsklinik Magdeburg. 850 Mitarbeiter wurden alarmiert. „Wir waren zu keinem Zeitpunkt überfordert.“ Die Uni-Klinik versorgte 72 teils schwerstverletzte Menschen, weitere der insgesamt 323 Verletzten kamen in andere Krankenhäuser in Sachsen-Anhalt, außerdem nach Leipzig, Brandenburg, Berlin, Braunschweig und Wolfsburg. „Man muss aufpassen, dass man das Chaos nicht vom Unglücksort in die Klinik verlagert“, sagt Walcher und betont damit, wie wichtig es ist, Patienten klug zu verteilen. Er und einige Mitarbeiter haben bereits drei TDSC-Kurse besucht und einen selbst organisiert.

Blutung gestillt? Der Nächste, bitte

Der Kern des Kurses in Ulm besteht in einem stundenlangen Spiel, einem sogenannten Serious Game. In sieben Gruppen unterteilt, sitzen die 22 Teilnehmer vor fast zwei Meter breiten Spielbrettern. Auf ihnen sind Notaufnahmen, OP-Säle und mehr eingezeichnet. Farbige Figuren repräsentieren Ärzte und Pfleger. Ihre Anzahl ist begrenzt, wie in der Realität, ebenso die Menge der freien Betten. Die Patienten sind Spielkarten, auf denen etwa steht: „28-jähriger Mann, ein Bein abgerissen.“ Ein mitlaufendes Computerprogramm gibt das Szenario vor, zum Beispiel eine Explosion bei einem Rockkonzert oder die Detonation einer Autobombe bei einer Demonstration in der Innenstadt an einem Samstag, 12 Uhr.

Das Programm setzt die Spieler unter Druck. Teilweise im Minutentakt treffen Verletzte ein. Die Teams müssen entscheiden, wen sie warten lassen, wen sie so versorgen, dass er nicht verblutet, aber danach in ein freies Bett legen (den Mann mit dem abgerissenen Bein etwa). Wen behandeln sie im Operationssaal intensiver? Am Ende werden die Ergebnisse verglichen, vor allem die Zahl der Menschen, die durch den OP geschleust wurden und dadurch überlebten. Die Unterschiede zwischen den Teams sind groß.

Was macht den Erfolg der Ärzte aus, die besser abschneiden? Offenbar, gut zu organisieren und selbst gut organisiert zu sein; die Patienten sichten und priorisieren und dabei jene, die keine Chance mehr haben, nur noch palliativ, also lindernd behandeln; einen ZONK, einen Zentralen Operativen Notfall-Koordinator, ernennen und seine Anweisungen befolgen; zuvorderst darauf achten, Blutungen zu stillen, durch Abbinden, Tamponieren oder, im Extremfall, eine Notoperation an einem der inneren Organe durchführen; Vorboten des Todes erkennen und dagegen ankämpfen, gegen den Abfall der Körpertemperatur oder des Kaliumspiegels etwa.

Eigentlich sollte jedes größere Krankenhaus einen Einsatzplan für ManV-Fälle haben. Kursleiter Achatz fragte die Teilnehmer zu Beginn danach und erhielt teils beunruhigende Antworten. Der Ansprechpartner, der auf dem Einsatzplan seines Hauses genannt sei, sei bereits in Rente, antwortete einer. Ein anderer Arzt sagte: „Unser Einsatzplan ist von 2015.“

Während sich Klinikärzte individuell und teilweise auf eigene Kosten für das drohende Unheil fit zu machen versuchen, beklagt der Chirurg Dietmar Pennig, dass es noch an Strukturen und Mitteln fehle. Pennig ist Generalsekretär der Ärztegesellschaft, die die TDSC-Kurse veranstaltet. Deutschland benötige etwa 3000 Ärzte, die Kriegsverletzungen behandeln können, sagt Pennig. Davon sei man weit entfernt. Insgesamt wären 480 Millionen Euro notwendig, um das zivile Gesundheitssystem Deutschlands „wehrhaft“ zu machen.

So ist es auch keineswegs sicher, dass der Krankenhausneubau in Köln-Merheim tatsächlich eine unterirdische Notfallklinik erhält. Die Tiefgarage soll so gestaltet werden, dass sie sich binnen 72 Stunden in eine Klinik für 600 zusätzliche Patienten verwandeln lässt. Nur sind die 40 Millionen Euro, die das vor Monaten vorgestellte Projekt kosten soll, noch nicht gesichert.

Ein Vorbild für Merheim steht in der nordisraelischen Stadt Haifa. Der unterirdische Teil des Rambam-Krankenhauses entstand, nachdem die islamistische Hisbollah vor knapp 20 Jahren hunderte Raketen aus dem Libanon abfeuerte. Der Trakt ist in Betrieb.
 

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