„Die Unfallchirurgie in Deutschland - unsere Verantwortung und Verpflichtung“
Studie zur Traumaversorgung 2030

Mehr ältere Verletzte, weniger Fachkräfte: Unfallchirurgie steht vor großen Herausforderungen

Älterer Mann liegt im Krankenhausbett und wird von Ärztin untersucht
© Yakobchuk Olena / stock.adobe.com

Eine neue Studie zur Traumaversorgung in Deutschland zeigt: Bis 2030 werden deutlich mehr ältere Menschen nach Unfällen behandelt werden müssen, während gleichzeitig Fachkräfte knapper werden. Schon heute entscheidet eine schnelle und qualifizierte Versorgung von Knochenbrüchen bei älteren Menschen darüber, ob Betroffene wieder mobil werden, dauerhaft eingeschränkt bleiben oder überhaupt überleben. Doch wie kann diese medizinische Betreuung auch künftig für alle sichergestellt werden? „Uns rollt eine Welle an Knochenbrüchen und Verletzungen entgegen, die von immer weniger Ärztinnen und Ärzten behandelt werden muss. Damit wir auch künftig alle Patienten schnell und gut versorgen können, müssen wir die Strukturen der Traumaversorgung jetzt anpassen“, sagt Prof. Dr. Frank Hildebrand, Präsident der DGOU und DGU. Ein ausführlicher Beitrag sowie Grafiken dazu finden sich in der aktuellen „Orthopädie und Unfallchirurgie – Mitteilungen und Nachrichten“ (OUMN) und im European Journal of Trauma and Emergency Surgery.

Immer mehr ältere Verletzte

Nach einem Unfall erwartet jeder Mensch in Deutschland schnelle und kompetente Hilfe rund um die Uhr, egal ob es sich um eine kleine Verletzung oder ein schweres Trauma handelt. Dieses Versprechen gehört zur medizinischen Daseinsvorsorge. Doch der demografische Wandel verändert das Verletzungsgeschehen bereits heute spürbar. Mehr als die Hälfte aller Knochenbrüche betrifft inzwischen Menschen über 70 Jahre. Besonders häufig sind Verletzungen der unteren Extremitäten wie Becken- oder Schenkelhalsfrakturen. Mit dem Eintritt der Babyboomer in das Rentenalter hat diese Entwicklung weiter an Dynamik gewonnen. Gleichzeitig haben die Babyboomer hohe Ansprüche an Mobilität und Lebensqualität.

Zusätzlich sind viele ältere Patientinnen und Patienten gesundheitlich vorbelastet. „Wenn ein älterer Mensch stürzt, geht es oft längst nicht nur um den Knochenbruch“, erklärt PD Dr. Christopher Spering, federführender Autor der Studie und Leiter des Zukunfts-Projekts für die DGU. „Häufig treffen Verletzung, Vorerkrankungen und eine eingeschränkte Belastbarkeit zusammen. Unsere Aufgabe ist es dann nicht nur, die Fraktur zu behandeln, sondern Mobilität, Selbstständigkeit und Lebensqualität möglichst wiederherzustellen.“

Strukturwandel in der Krankenhauslandschaft

Auch die Struktur der Krankenhäuser verändert sich. Die Analyse zeigt, dass rund 41 Prozent der Kreise in Deutschland als strukturell instabil gelten – besonders in ländlichen Regionen und Teilen Ostdeutschlands. Gleichzeitig profitieren schwer verletzte Patientinnen und Patienten nachweislich von spezialisierten Zentren mit großen Teams und viel Erfahrung. Eine stärkere Konzentration komplexer Behandlungen kann die Qualität verbessern. Doch dieser Wandel birgt Risiken: Wenn chirurgische oder orthopädisch-unfallchirurgische Abteilungen in kleineren Krankenhäusern verschwinden, könnte in manchen Regionen die adäquate Versorgung gefährdet sein. „Schon jetzt zeigt sich deutschlandweit die Erreichbarkeit von Traumazentren innerhalb von 30 Minuten flächendeckend lückenhaft. Diese Lücken werden aktuell größer“, sagt Spering. Die DGU fordert deshalb eine verlässliche Finanzierung von rund 700 bis 800 Klinikstandorten mit unfallchirurgischer Versorgung. Nur so lassen sich kurze Wege für Patientinnen und Patienten mit einer hohen Behandlungsqualität in spezialisierten Zentren verbinden. 

Fachkräfte werden knapp 

Parallel verschärft sich der Fachkräftemangel. Es fehlen laut Berechnungen jetzt schon 1,3 Millionen Arbeitsstunden jährlich im Sozial- und Gesundheitswesen aufgrund von Fachkräftemangel. Mehr als die Hälfte der Fachärztinnen und Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie ist bereits über 50 Jahre alt. Gleichzeitig entscheiden sich immer weniger junge Medizinerinnen und Mediziner für chirurgische Fächer. 

In einer Befragung geben Ärztinnen und Ärzte an, dass sie ihren Beruf zwar gern ausüben, die Arbeitsbedingungen aber zunehmend als belastend empfinden. Besonders zu schaffen machen ihnen die wachsende Bürokratie, der Personalmangel und die steigende Zahl älterer Patientinnen und Patienten mit komplexem Behandlungsbedarf bei gleichzeitig sinkenden Ressourcen und ausgelasteten Krankenhausbetten sowie OP-Sälen.

„Die Behandlung von Unfallverletzten ist sehr komplex und benötigt ein hochspezialisiertes Team mit einem sehr breiten Versorgungsspektrum“, sagt Spering. „Der Nachwuchs braucht ausreichend Zeit im OP und am Patienten, um Erfahrung zu sammeln. Neue, innovative Arbeitsplatzgestaltung sowie Arbeitszeit- und Belastungsmodelle, Unterstützung durch eine moderne digitale Infrastruktur und zusätzliche Berufsgruppen wie Physician Assistants könnten Ärztinnen und Ärzte künftig entlasten. Die Studie zeigt, dass wir die Zukunft der Traumaversorgung in Deutschland ganz neu denken müssen, um die notwendigen Kurskorrekturen jetzt nicht zu verpassen.“ 

Notfallversorgung neu organisieren

Auch die Organisation der Notfallversorgung wird sich verändern. Schon heute werden viele Behandlungen nicht mehr zwingend im Krankenhaus durchgeführt. Modellrechnungen zeigen, dass bis 2030 ein spürbarer Teil der heute stationären Behandlungen ambulant erfolgen könnte – also ohne längeren Krankenhausaufenthalt. Damit das funktioniert, müssen ambulante Operationsmöglichkeiten ausgebaut und die bisher starren Grenzen zwischen ambulanter Praxis und Krankenhaus überwunden werden. Die Studie empfiehlt unter anderem integrierte Notfallzentren, in denen Patientinnen und Patienten schneller eingeschätzt und gezielt weitergeleitet werden. Auch digitale Erstberatungen könnten helfen, Menschen schneller in die passende Behandlung zu bringen und überfüllte Notaufnahmen zu entlasten.

Studie blickt in die Zukunft der Traumaversorgung

Das Projekt „Traumaversorgung in Deutschland 2030 – Chancen erkennen. Strategien entwickeln. Zukunft gestalten“ der DGU in Zusammenarbeit mit dem RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und dem Institute for Health Care Business GmbH basiert auf einer Analyse von Krankenhaus- und Diagnosedaten der Jahre 2010 bis 2019, einer bundesweiten Befragung von 752 Mitgliedern der DGU sowie einem Expertenworkshop. Ziel der Studie war es, frühzeitig zu erkennen, wie sich die Versorgung entwickeln wird und welche Weichen schon heute gestellt werden müssen, damit Patientinnen und Patienten auch in Zukunft schnell und gut behandelt werden können.

Die Autorinnen und Autoren verstehen ihre Analyse als klaren Appell an Politik und Gesundheitswesen. Demografischer Wandel, Fachkräftemangel und strukturelle Veränderungen seien absehbar; entscheidend sei, jetzt die richtigen Entscheidungen zu treffen. „Die Behandlung von Unfallverletzten bedeutet mehr als die Stabilisierung eines Knochenbruchs“, sagt Spering. „Sie hilft Menschen nach schweren Verletzungen zurück in ein selbstständiges Leben und ist damit ein zentraler Bestandteil unserer Gesundheitsversorgung sowie ein gesamtgesellschaftlicher Beitrag zur sozioökonomischen Reintegration von Verunfallten. Es ist jetzt an der Zeit, die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu stärken und Resilienz zu fördern.“ 

Politische Forderungen der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie in vier Handlungsfeldern

1. Schnelle Hilfe nach dem Unfall sichern
Damit Menschen nach einem Unfall überall in Deutschland schnell Hilfe bekommen, braucht es weiterhin ein dichtes Netz von Kliniken mit unfallchirurgischer Versorgung. Die DGU fordert daher bis ca. 700 Standorte für die Traumaversorgung mit einer Erreichbarkeit innerhalb von 30 Minuten, eine verlässliche Vorhaltefinanzierung sowie den stärkeren Einsatz von Telemedizin zur Unterstützung kleinerer Kliniken.

2. Patienten schneller in die richtige Behandlung bringen
Integrierte Notfallzentren, klare Triage-Systeme und digitale Erstberatung sollen Patientinnen und Patienten schneller in die passende Versorgung lenken. So können Notaufnahmen entlastet und Wartezeiten verkürzt werden.

3. Behandlung besser miteinander verknüpfen
Die strikten Grenzen zwischen ambulanter Praxis und Krankenhaus sollten weiter abgebaut werden. Gemeinsame Weiterbildungsangebote – etwa im TraumaNetzwerk DGU® – sowie mehr Prävention, zum Beispiel durch Programme zur Sturzvermeidung im Alter, können helfen, Knochenbrüche zu verhindern.

4. Gute Versorgung braucht genügend Fachkräfte
Hochspezialisierte Behandlungen sollten stärker in Zentren gebündelt werden, damit Patientinnen und Patienten von hoher Expertise profitieren. Gleichzeitig müssen Ärztinnen und Ärzte durch weniger Bürokratie, digitale Unterstützung und zusätzliche Berufsgruppen entlastet werden. Eine moderne Weiterbildung soll zudem den Nachwuchs für das Fach Orthopädie und Unfallchirurgie sichern.

Referenzen:

1) Artikel mit QR-Code zur Originalstudie in Deutsch: Chancen erkennen. Strategien entwickeln. Zukunft gestalten. Projekt Traumaversorgung in Deutschland 2030. in „Orthopädie und Unfallchirurgie – Mitteilungen und Nachrichten“ (OUMN); Heft 2/2026; Zusendung des Artikels auf Anfrage

2) The future of trauma care in Germany 2030: challenges, opportunities, and strategic directions | European Journal of Trauma and Emergency Surgery 
Original Article, Open access, Published: 12 March 2026, Volume 52, article number 95, (2026)
 

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