Ziel dieser Arbeit ist es, die intensive öffentliche Diskussion über eine vermeintliche Zunahme schwerer Körperverletzungen durch Messerangriffe mit möglichst validen Zahlen sachlich zu stützen. Die Daten liefern keine Informationen zum Täter- und Opferkreis und der Motivation zur Durchführung der Straftat. Informationen zur Herkunft und zum sozialen Status der Betroffenen werden ebenfalls nicht im Register erfasst.
Die Studie zeigt eine Zunahme von Schwerverletzten* bei gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Stichwaffen von 212 Fällen im Jahr 2013 auf 336 Fälle im Jahr 2024. Demnach hat diese Art der Verletzungen im Beobachtungszeitraum von 12 Jahren insgesamt um 58,8 Prozent zugenommen. Dazu wurden die Daten von 3.664 Stichverletzungen im Rahmen von mutmaßlich gewalttätigen Auseinandersetzungen ausgewertet. Unter Stichwaffen zählen beispielsweise Messer, Schraubenzieher oder Eispickel.
Die Autoren betonen, dass nur die wirklich schweren Fälle dokumentiert werden. Aufgenommen werden ausschließlich Patientinnen und Patienten, die in Lebensgefahr schweben oder auf einer Intensivstation behandelt werden müssen. In der Fachsprache bedeutet das: Sie haben mindestens eine Verletzung mit einem AIS-Wert gleich oder über 3, also eine schwere bis lebensbedrohliche Verletzung. So sind nicht alle Verletzungen an Armen oder Beinen erfasst, die zwar zu erheblichen Funktionseinschränkungen führen können, aber nicht akut lebensbedrohlich sind.
Prof. Dr. Philipp Störmann, Erstautor der Studie sowie Mitglied der DGU-Sektion Notfall-, Intensivmedizin und Schwerverletztenversorgung (NIS):
„Die in unserer Studie vorliegenden Zahlen zeigen den Anteil Schwerverletzter nach einer Stichverletzung im Kontext einer mutmaßlichen Gewalttat in Deutschland. Insgesamt machen diese Verletzungen einen sehr geringen Anteil der Schwerverletztenversorgung aus, dennoch zeigen die Zahlen dieser Arbeit in den letzten Jahren einen Anstieg der Fallzahl vor allem in Regionen mit hoher Bevölkerungsdichte.“
Weitere Ergebnisse sind:
Die betroffenen Patienten unterscheiden sich demografisch deutlich vom Durchschnitt aller Schwerverletzten: Sie sind im Mittel mit 31,1 Jahren jünger und in 85,5 Prozent überwiegend männlich. Die Verletzungen betreffen besonders oft den Körperstamm wie Brust und Bauchraum und erfordern in 72 Prozent dringliche operative Maßnahmen, was auf die häufige Verletzung lebenswichtiger Körperteile unter Umständen mit relevanten Blutungen hinweist. Die hohe Rate von Notfall-Eingriffen unterstreicht zudem die besonderen Anforderungen an die beteiligten, interdisziplinären Traumateams. Trotz dieser interdisziplinären und professionellen Versorgung versterben 8,2 Prozent nach gewaltsamer Stichverletzung im Krankenhaus. Zudem werden regionale Unterschiede erkennbar, sowohl hinsichtlich der geografischen Lage als auch der Besiedlungsstruktur. Die Daten stammen aus über 600 deutschen Kliniken, die sich am TraumaRegister DGU beteiligen.
Hintergrund:
Das TraumaRegister DGU® ist ein Instrument des TraumaNetzwerk DGU®, dessen Ziel die Verbesserung der Schwerverletztenversorgung ist. Es ist eines der größten Register seiner Art in der Welt. Die am TraumaNetzwerkDGU® teilnehmenden Kliniken verpflichten sich, die Behandlungsdaten von Unfallverletzten in das TraumaRegister DGU® einzupflegen. Anhand dieser Daten werden Aussagen zur Versorgungsqualität ermöglicht und medizinische Behandlungsmethoden auf ihre Effektivität hin untersucht.
Anmerkung:
* Ausgewertet wurden alle Patienten mit einer Mindestverletzungsschwere gemäß der Abbreviated Injury Scale (AIS) ≥ 3, sowie Patienten mit einer Mindestverletzungsschwere gemäß AIS = 2, die entweder verstorben sind oder auf einer Intensivstation behandelt wurden.
