„Die Unfallchirurgie in Deutschland - unsere Verantwortung und Verpflichtung“
 

Pressemitteilung zum DKOU 2019

Die Crux mit der Weiterbildung in Orthopädie und Unfallchirurgie

© DGOU / DKOU 2019

Viele Patienten mit Haltungsschäden, Fehlstellungen, Verletzungen oder Schmerzen am Bewegungsapparat kennen das: Sie durchlaufen eine Odyssee von Arzt zu Arzt, bis die korrekte Diagnose und Therapie feststehen. Auf einer Pressekonferenz des Deutschen Kongresses für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) am 22. Oktober 2019 in Berlin berichten Fachärzte über die Gründe und inwiefern die erschwerten Bedingungen bei der Weiterbildung dabei eine Rolle spielen. Denn immer weniger Ärzte lernen in ihrer Weiterbildung zum Facharzt das gesamte konservative und operative Spektrum von Orthopädie und Unfallchirurgie kennen. Um die Versorgung in Zukunft sicherzustellen, seien neue Weiterbildungskonzepte wie Rotationsmodelle, innovative Simulationsverfahren – etwa aus Virtual und Augmented Reality – aber auch eine flächendeckende Finanzierung der Weiterbildung notwendig.

Immer weniger der derzeit rund 5.300 Nachwuchsmediziner in Orthopädie und Unfallchirurgie erhalten in den sechs Jahren bis zum Facharzt eine breite Weiterbildung über die gesamte konservative und operative Medizin hinweg – und damit die Kompetenz, die wichtigsten Beschwerdebilder umfassend zu diagnostizieren und zu behandeln.

Jungmediziner unter massivem Druck: zu viel Wissen und Fertigkeiten in zu wenig Zeit
„Zum einen liegt das an der Zusammenführung der Fächer Orthopädie und Unfallchirurgie vor 16 Jahren. Der Lehrinhalt ist dadurch um 60 Prozent angestiegen – die Weiterbildungszeit ist jedoch gleichgeblieben“, erklärt DKOU-Kongresspräsident Prof. Dr. Carsten Perka und Ärztlicher Direktor des Centrums für Muskuloskeletale Chirurgie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Um die Inhalte in einer sechsjährigen Weiterbildung ausreichend zu erlernen, ist eine wöchentliche Arbeitszeit von 80 bis 100 Stunden erforderlich, zeigt eine amerikanische Studie. „Dies sprengt natürlich deutlich die Vorgaben des Arbeitsschutzgesetzes in Deutschland von maximal 48 Stunden“, sagt Perka.

Weiterbildung ist ein Verlustgeschäft für Kliniken und Praxen
Aber auch ökonomische Zwänge führen dazu, dass immer weniger weitergebildet wird: „Deutschland ist eines der wenigen Industrieländer, in denen Weiterbildung in der Medizin nicht bezahlt wird“, kritisiert Perka. „Dabei kostet eine sorgfältige Anleitung viel Zeit und Geld.“ So sei es etwa sehr zeitaufwändig, einem Anfänger das Operieren beizubringen. „Das geht nur eins zu eins – und danach fehlt die investierte Zeit für das reguläre Tagesprogramm.“ Dies bestätigt auch DKOU-Kongresspräsident Dr. Thomas Möller, der als niedergelassener Orthopäde und Unfallchirurg in Speyer tätig ist. „Wenn ich weiterbilde, verliere ich Geld, weil ich dann weniger Patienten behandeln kann.“ „Die Facharztweiterbildung in O und U muss entlohnt werden“, mahnen deshalb Perka und Möller. In Kliniken sollte sie ein fester Bestandteil des Fallpauschalen-Systems (DRGs) sein, in der Praxis – sowie im Rehabereich, einer weiteren möglichen Weiterbildungsstation –, wo es keine DRGs gibt, müsste sie extra vergütet werden. In der Allgemeinmedizin ist in der Niederlassung eine Vergütung für den Weiterbildungsaufwand bereits üblich.

Das kleine Einmaleins in O und U kommt oft zu kurz
Ein weiterer Aspekt: Da sich rund 90 Prozent der Nachwuchsmediziner in Kliniken weiterbilden, erhalten sie meist einen einseitigen, nämlich operativ dominierten, Blick auf O und U: Denn operative Maßnahmen – und im Fall von Maximalversorgern meist sehr komplexe Eingriffe, etwa Schwerverletztenversorgung – stehen hier im Fokus. „Doch gerade die besonders schwierigen Eingriffe sind selten für die praktische Weiterbildung geeignet“, gibt Prof. Dr. Paul Alfred Grützner, Kongresspräsident des DKOU 2019 und Ärztlicher Direktor der BG-Klinik Ludwigshafen, zu bedenken. Zudem bildet ein Schwerpunkt beim Operieren nicht die tatsächliche Versorgungsrealität ab: Etwa 37 Millionen Patienten werden jährlich wegen Muskel-Skelett- oder Bindegewebserkrankungen im ambulanten Sektor behandelt. „Langfristig kann eine hauptsächlich in der Klinik erfolgte Weiterbildung dazu führen, dass Orthopäden und Unfallchirurgen schlechter für die dort durchgeführten, überwiegend ambulanten und kleineren Eingriffe vorbereitet sind“, erklärt Grützner.
Darüber hinaus komme aufgrund des ökonomisch gewollten Trends zur Spezialisierung in vielen Klinken die gesamtheitliche Beurteilung des Patienten mitunter zu kurz. „Eine hohe Spezialisierung auf bestimmte Eingriffe kann zu einer isolierten Betrachtung eines Gelenks oder einer Körperregion führen“, sagt Perka. „Um die Weiterbildung wieder näher an die ambulante Versorgung zu knüpfen, wäre ein Rotationssystem sinnvoll, in dem auch feste Zeiten in der ambulanten Praxis vorgesehen sind“, sagt Möller.

Gute Weiterbildung ist Investition in Zukunft
Insbesondere mit Blick auf die steigenden Erkrankungszahlen in O und U hierzulande dürfe Weiterbildung nicht nur ein Nebenprodukt des Klinikalltags sein, sondern müsse als gesundheitspolitisches Zukunftsprojekt erkannt werden, in das es zu investieren lohne, betonen die Kongresspräsidenten des DKOU. Die Facharztausbildung sei auch eine Stellschraube, um wieder mehr wissenschaftliche Exzellenz und internationale Konkurrenzfähigkeit für das Fach zu generieren und nicht zuletzt wieder mehr Nachwuchs zu gewinnen, fügt Grützner hinzu. Einen Lichtblick gebe es, begrüßt Möller: „Seit April vergütet die Kassenärztliche Vereinigung (KV) in der Pfalz die Weiterbildung in der Praxis mit 2400 Euro brutto pro Monat.“ Doch dies müsse nun flächendeckend umgesetzt werden, sonst sei es lediglich ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Auf der Pressekonferenz des DKOU am 22. Oktober 2019 diskutieren Experten die aktuelle Situation der Weiterbildung in O und U und stellen Lösungsansätze vor, wie die künftige Versorgung mittels gut ausgebildeter Fachärzte sichergestellt werden kann. Zudem präsentieren sie innovative Weiterbildungskonzepte – etwa einen dem Flugsimulator nachempfundenen „Fraktursimulator“. Dessen Funktionalität wird darüber hinaus auf dem Kongress im Wetlab der TraumaAcademy vorgestellt und gezeigt, welche Versorgungsschritte die Nachwuchsmediziner dabei durchlaufen.

Quellen:

  • Ansorg et al, Der Chirurg 2006 Cerwenka et al., Langenbecks Arch Surg 2009, Hartmann-Bund-Studie 2018/2019 (59% über 50h/Wo), Marburger-Bund-Umfrage 2013 (74%>49h/wo)
  • Merschin, D., Münzberg, M., Stange, R., Schüttrumpf, J., Perl, M., Mutschler, M., Junges Forum O & U. (2014). Der klinische Alltag in Orthopädie und Unfallchirurgie – Ergebnisse einer nationalen Umfrage unter Assistenzärzten in O und U. Zeitschrift für Orthopädie Und Unfallchirurgie, 152(05), 440–445.
  • Infografik: Zahlen der KBV

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