„Die Unfallchirurgie in Deutschland - unsere Verantwortung und Verpflichtung“
 

Grußwort des DGU-Präsidenten 2020 Prof. Dr. Michael J. Raschke

Prof. Dr. Michael J. Raschke © T. Tanzyna / Intercongress

Liebe Kolleginnen und liebe Kollegen, liebe Mitglieder und Freunde der DGU,

auch im kommenden Jahr werden wir erneut vor großen Herausforderungen stehen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir gemeinsam mit einem starken Vorstand, einer eingespielten und vorausschauend agierenden Geschäftsstelle, aktiven Sektionen, AGs und Gremien gut vorbereitet sind.
Das große ehrenamtliche Engagement ALLER sichert die Attraktivität unseres wunderbaren Faches –  unsere große gemeinsame Vision treibt uns an und macht uns stark!
Die Stärke und die herausragende Qualität der deutschen Unfallchirurgie hat eine weltweite Strahlkraft. Wir dürfen uns aber nicht auf diesen Lorbeeren ausruhen!

Das Thema Nachwuchsgewinnung für unser Fach wird immer dringlicher – dabei gab es noch nie so viele Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. Gemeinsam mit unseren Sektionen, aber auch mit unseren Verwaltungen müssen wir ein attraktives Umfeld für unsere zukünftigen Mitarbeiter schaffen. Die Finanzierung der Weiterbildung ist eine immer wieder von uns geforderte Maßnahme – bisher hat sie in der Politik kein Gehör gefunden. Es gilt, die neue Generation von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern frühzeitig für O und U zu gewinnen.

Unser Fach kann eine kausale Therapie und sehr häufig die vollständige Wiederherstellung von Funktionen erreichen. Das bietet einzigartige Möglichkeiten auch für die kommende medizinische Generation. Deshalb ist das Ziel, den Nachwuchs vom Gebiet O und U zu überzeugen und dafür zu begeistern.

Das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist längst in unseren Kliniken angekommen. Früher undenkbare Elternzeiten sind heute die Regel. Wir müssen Strukturen schaffen, die den reibungslosen Wiedereinstieg unserer gut ausgebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ohne Karriereknick möglich machen.

Der gemeinsame Facharzt ist seit mehr als 14 Jahren gelebte Realität. Wir müssen unser spannendes Fach im Kanon der anderen klinischen Disziplinen attraktiv halten sowie bereits die Studierenden für O und U faszinieren, um Sie frühzeitig abzuholen. Wir können mit Stolz auf ein sehr aktives und innovatives Junges Forum zurückgreifen, welches immer wieder neue Impulse zu neuen Weiterbildungsformaten und zur Nachwuchsgewinnung setzt und mit uns gemeinsam das Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ voranbringt.

In Zukunft wird es zu einer weiteren Konzentration medizinischer Leistungen auch in unserem Fach kommen. Hier stehen wir in dem Konflikt, die Versorgung in der Breite sicherzustellen, aber auch das Spezialwissen und spezielle Methoden in Zentren anzubieten. Die Telemedizin und künstliche Intelligenz sind auf dem Vormarsch und werden uns zukünftig noch mehr Optionen bieten.
Die Führungsstrukturen in unseren Kliniken werden immer weiter aufgeweicht. Es droht die Ablösung ausgewiesener großer Zentren durch Abteilungen mit medizinisch endverantwortlichen Sektionen. Hiermit verlieren die großen Einrichtungen an Attraktivität, die breite Ausbildung ist die Ausnahme – die einstige Strahlkraft der Leuchttürme droht zu schwinden. Führungskräfte von morgen sind hochspezialisiert. Dabei dürfen wir den Blick aufs Ganze nicht aus den Augen verlieren.

„Der Müll ist der Spiegel unseres Konsums“ – auch in der Medizin?
Wie können wir es schaffen, Nachhaltigkeit als wichtigen Wegweiser – ohne Einbußen in der Qualität – in unser tägliches Handeln einzubinden? Wie bleibt Medizin finanzierbar? Die Hygienevorschriften zwingen uns mehr und mehr, Einmalmaterialien zu verwenden. Single-use und häufig minderwertige OP-Instrumente, Zentralsterilsationseinrichtungen, fehlende Wiederverwendbarkeit von einmal geöffneten Implantaten, aber auch Einmalabdeckungen lassen die Müllberge nach jeder Operation stetig anwachsen. Hier müssen wir Wege finden, die einerseits die Patientensicherheit nicht gefährden, andererseits einen verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen ermöglichen.

Darüber hinaus wird in 2020 die Medical Device Regulation umgesetzt. Das wird von allen Disziplinen, die mit Implantaten arbeiten, mit großer Sorge gesehen. Unsere Kliniken und auch die Partner der Industrie stehen vor enormen Herausforderungen – es bleibt zu hoffen, dass die Reaktionen auf Skandale keine Innovationsbremse bedeuten. Umso wichtiger ist der Schulterschluss mit sämtlichen chirurgischen Fachdisziplinen.

Gemeinsam mit meinen Co-Präsidenten Prof. Dr. Dieter C. Wirtz (DGOOC) und Dr. Burkard Lembeck (BVOU) laden wir Sie herzlich zum gemeinsamen Kongress der DGOU vom 20. – 23. Oktober 2020 nach Berlin ein.

Unser farbenfrohes, vielfältiges Gastland Indien blickt auf eine lange Geschichte traditioneller medizinischer Methoden zurück. Es erlaubt uns, unsere Inhalte und Botschaften an die Fachkollegen in Indien zu transportieren. Umgekehrt werden wir von dem enormen Erfahrungsschatz mit einer hohen Anzahl von Verletzten und Verletzungsfolgen profitieren.

Mit dem Kongressmotto für 2020 #vereintevielfalt unterstreichen wir, dass der Vereinigungsprozess zwischen O und U inzwischen vollzogen ist. Die Verschmelzung beider großer Dachgesellschaften (DGU und DGOOC zur DGOU) ist abgeschlossen. Nur gemeinsam können wir unsere Interessen nach innen und nach außen wirkungsvoll und intensiv vertreten. Das ist gelebte Vielfalt und bedeutet Vereinigung unter Erhalt der jeweiligen Identität.  Erleben Sie dieses mit uns live in Berlin!

Ich bedanke mich bei Ihnen für das Vertrauen, das Sie in mich setzen, um die Geschicke und Interessen der deutschen Unfallchirurgie in 2020 mitgestalten zu dürfen.

Es grüßt Sie herzlichst aus Münster

Ihr Michael Raschke